Von Antje Kaschube, Fachanwältin für Familienrecht · · aktualisiert am 9. Oktober 2026
Bei einer Scheidung mit Auslandsbezug sind zwei Fragen getrennt zu beantworten: Welches Gericht darf entscheiden, und nach welchem Recht? Die Antworten müssen nicht übereinstimmen. Ein Münchner Familiengericht kann verpflichtet sein, ausländisches Scheidungsrecht anzuwenden, und das wirkt sich auf Dauer, Kosten und Ergebnis aus.
Was danach praktisch zu tun ist, also Urkunden, Übersetzungen, Zustellung ins Ausland und Anerkennung, ist auf der Seite Scheidung mit Auslandsbezug: Urkunden, Zustellung, Anerkennung beschrieben.
Wann ein Fall international ist
Nicht erst bei unterschiedlichen Pässen. Es genügt, dass die Ehe im Ausland geschlossen wurde, dass einer der Ehegatten im Ausland lebt, dass Vermögen oder Rentenanrechte im Ausland liegen oder dass ein Kind seinen gewöhnlichen Aufenthalt in einem anderen Staat hat. Zwei Deutsche, die nach Jahren im Ausland zurückgekehrt sind, können deshalb ebenso betroffen sein wie ein binationales Paar.
Welches Gericht zuständig ist
Innerhalb der EU (außer Dänemark) bestimmt das die Verordnung (EU) 2019/1111, kurz Brüssel IIb. Ihr Art. 3 nennt mehrere gleichrangige Anknüpfungen. Zuständig sind unter anderem die Gerichte des Mitgliedstaats,
- in dem beide Ehegatten ihren gewöhnlichen Aufenthalt haben,
- in dem sie ihn zuletzt hatten, sofern einer dort noch lebt,
- in dem der Antragsgegner lebt,
- in dem der Antragsteller seit mindestens einem Jahr lebt, oder seit mindestens sechs Monaten, wenn er diesem Staat angehört,
- dessen Staatsangehörigkeit beide Ehegatten besitzen.
Oft sind deshalb die Gerichte zweier Staaten zuständig. Rechtshängig wird die Sache dort, wo der Antrag zuerst eingeht; das später angerufene Gericht muss das Verfahren aussetzen und sich gegebenenfalls für unzuständig erklären (Art. 20 Brüssel IIb). Wer abwartet, während der Ehegatte im anderen Staat einreicht, verliert die Wahl. Mit dem Gericht entscheiden Sie mittelbar auch über Verfahrensrecht, Dauer und Kosten und häufig über das anwendbare Recht.
Welches Scheidungsrecht gilt
Das regelt in Deutschland die Rom-III-Verordnung (EU) Nr. 1259/2010. Die Ehegatten können das anwendbare Recht in bestimmten Grenzen wählen, etwa das Recht ihres gewöhnlichen Aufenthalts, das Recht einer Staatsangehörigkeit oder das Recht des Gerichtsorts (Art. 5). In Deutschland ist eine solche Rechtswahl notariell zu beurkunden (Art. 46e EGBGB). Sie lässt sich gut in einen Ehevertrag aufnehmen. Im Streit kommt sie selten noch zustande.
Ohne Rechtswahl gilt eine feste Reihenfolge (Art. 8): das Recht des Staates, in dem beide bei Anrufung des Gerichts ihren gewöhnlichen Aufenthalt haben; sonst das des letzten gemeinsamen Aufenthalts, wenn er nicht länger als ein Jahr vor Anrufung des Gerichts endete und einer dort noch lebt; sonst das Recht der gemeinsamen Staatsangehörigkeit; zuletzt das Recht des angerufenen Gerichts.
Leben beide in München, führt das in aller Regel zu deutschem Recht, auch wenn keiner einen deutschen Pass hat. Kommt ausländisches Recht zur Anwendung, muss das Gericht es ermitteln, bei Bedarf durch ein Rechtsgutachten. Das verlängert das Verfahren und verursacht Kosten.
Folgesachen haben eigene Regeln
Ein häufiger Irrtum ist, dass mit dem Scheidungsrecht auch alles Weitere festliegt. Jede Folgesache wird gesondert angeknüpft.
- Unterhalt: Zuständigkeit nach der EU-Unterhaltsverordnung (EG) Nr. 4/2009, anwendbares Recht nach dem Haager Unterhaltsprotokoll von 2007, im Grundsatz das Recht am gewöhnlichen Aufenthalt des Berechtigten.
- Güterrecht: Für Ehen ab dem 29. Januar 2019 und für spätere Rechtswahlen gilt die EU-Güterrechtsverordnung (EU) 2016/1103, die vorrangig an den ersten gemeinsamen gewöhnlichen Aufenthalt nach der Heirat anknüpft. Für ältere Ehen gilt das bisherige deutsche Kollisionsrecht.
- Versorgungsausgleich: Er richtet sich nach dem auf die Scheidung anwendbaren Recht und ist durchzuführen, wenn danach deutsches Recht gilt und das Recht eines der Staaten, denen die Ehegatten angehören, ihn kennt. Andernfalls findet er nur auf Antrag statt, wenn ein Ehegatte in der Ehezeit ein Anrecht bei einem inländischen Versorgungsträger erworben hat und die Durchführung der Billigkeit nicht widerspricht (Art. 17 Abs. 3 EGBGB).
Bevor eingereicht wird
Bei Auslandsbezug sollte vor dem Antrag geprüft werden, welche Kombination aus Gericht und anwendbarem Recht in Betracht kommt und was sie für Unterhalt, Güterrecht und Rentenanrechte bedeutet. Die Unterschiede zwischen den Rechtsordnungen sind teils erheblich. In der Beratung lege ich die möglichen Wege deshalb nebeneinander, bevor wir uns für einen Gerichtsstand entscheiden. Später lässt sich diese Weichenstellung kaum noch korrigieren.
Quellen und Fundstellen
- Verordnung (EU) 2019/1111 (Brüssel IIb), Art. 3, Art. 20
- Verordnung (EU) Nr. 1259/2010 (Rom III), Art. 5, Art. 8
- Verordnung (EG) Nr. 4/2009; Haager Unterhaltsprotokoll 2007
- Verordnung (EU) 2016/1103 (EuGüVO)
- Art. 17 Abs. 3, Art. 46e EGBGB
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